Frischkleben

Technik und Wirkung

Frischkleben war bis zur Saison 2007/2008 weit verbreitet. Mit speziellen Klebern wurden die Beläge meist in mehreren Schichten bestrichen. Nach nur kurzem Antrocknen wurde der Belag „frisch“ (noch fast nass) kurz vor dem Spiel geklebt. Dabei dringen die leicht flüchtigen Lösungsmittel in den Schwamm und die Gummi des Belags ein. Der Belag „quillt“ etwas auf und wird dadurch elastischer bzw. griffiger. Damit konnte insbesondere beim Topspin mehr Rotation und Tempo erreicht werden. Dies wurde durch das „Schwimmen“ des Belags auf dem Holz noch zusätzlich verstärkt.

Da die Lösungsmittel leicht flüchtig waren, hielt dieser Effekt meist nur kurze Zeit an, so dass in einem Turnierverlauf mehrfach neu geklebt werden musste. Dies ging zu Lasten der Haltbarkeit von Belag und auch Schlägerholz. Durch das Lackieren des Holzes wurde die Haltbarkeit sowie die Dauer des Frischklebeeffektes verlängert.

Das Frischkleben ist durch das Klick-Geräusch gekennzeichnet. Dabei spielte auch das Geräusch eine nicht zu unterschätzende psychologische Wirkung auf die Spieler. Messungen haben ergeben, dass durch das Frischkleben ein 1,3mm dicker Belag einem Belag mit 2,1 mm gleich zu setzen war. Die Ballrotation wurde um ca. 10 % erhöht und die Geschwindigkeit um ca. 5 %.

Nachteile

Das mehr an Tempo und Rotation wurde jedoch durch eine schlechtere Ballsicherheit erkauft. Gerade bei langsamen Bällen und der Aufschlagannahme machten die Spieler teilweise leichte Fehler. Nachdem sich die Lösungsmittel nach und nach verflüchtigten hatte der Schläger teilweise unterschiedliche Spieleigenschaften. Hatte man sich verklebt – d.h. zuviel Kleber benutzt – so war das Spielgerät manchmal kaum mehr spielbar. Es gehörte also viel Übung dazu die richtige Klebemenge und den richtigen Zeitpunkt zum Neukleben zu finden.

Die schlechtere Haltbarkeit von Belägen und Holz führte zu deutlich höheren Kosten. Zudem waren insbesondere die gesundheitlichen Schädigungen durch den regelmäßigen Gebrauch von lösungsmittelhaltigen Klebern der ausschlaggebende Grund zum Verbot durch die ITTF. Themen wie Klebstoff-Schnüffeln (Suchtpotential) sowie häufiger Haut- und Lungenkontakt waren durchaus wichtig bei dieser Entscheidung.

Geschichte

Erwartungsgemäß hat das Frischkleben im Freizeitsport keine Rolle gespielt. Im Vereins- und Profisport war diese Methode jedoch um so beliebter. Als „Erfinder“ wird der ungarische Ex-Weltmeister Tibor Klampár angesehen. Dieser versuchte seine Entdeckung geheim zu halten und wurde erst Ende der 70er Jahre dabei erwischt, dass er seine Beläge auf der Toilette neu aufgeklebt hat. Dabei verwendete er Reifenkleber für Fahrad- und Autoreifen, die besonders viel Lösungsmittel enthalten. Nach der Entdeckung setzte sich das Frischkleben in Europa schnell durch.

Die Schlagtechnik wurde von den Spielern umgestellt. So konnte die Länge der Schlagbewegung stark verkürzt werden und der Handgelenkeinsatz erhielt eine noch größere Bedeutung als zuvor. Das Spieltempo wurde durch den verbesserten Topspin enorm erhöht. Eröffnungstopspinschläge führten immer öfter zum direkten Punktgewinn. Spieltechnik und Taktik traten gegenüber der Athletik in den Hintergrund und prägten den Begriff vom „Powertischtennis“.

In der 80er Jahren kamen Lösungsmittel wie Trichlorethylen, Benzol und andere aromatische Kohlenwasserstoffe zum Einsatz. Diese wurden wegen ihrer schädlichen Wirkung verboten und die Industrie brachte eigene Kleber auf den Markt. Es gab aber auch Spieler, die die neuen Kleber mit Benzin vermischten, um den Lösungsmittelanteil und damit den Frischklebeeffekt zu erhöhen.

Durch das Frischkleben und die Shakehand-Schlägerhaltung konnte von 1989 bis 1993 die schwedische Herren-Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften Siege erringen und die asiatische Dominanz durchbrechen. Da die damals benutzten chinesischen Beläge für das Frischkleben nicht geeignet waren, dauerte es etwas bis die Chinesen durch Materialumstellungen und Anpassungen bei der Schlaghand die Europäer wieder übertrumpfen konnten.

Vom Ende der 1980er-Jahre bis Mitte des Jahres 2008 klebten fast alle Weltklasse-Tischtennisangriffspieler. Selbst chinesische Defensivspieler klebten zumindest ihre Schläger-Vorhandseite, auf der sie Offensivbeläge mit Noppen innen spielten. Auch in den unteren Klassen und bei Jugendlichen wurde das Kleben für Angriffsspieler zum Normalfall.

Durch das Frischkleben im Kinder und Jugendsport hatte der Tischtennissport einen schlechten Ruf. 1993 wurde ein Verbot durchgesetzt, jedoch wegen schlechter Kontrollierbarkeit wieder verworfen. Es wurden aber aromatische Lösungsmittel verboten und das Kleben nur noch in eigenes vorgesehenen Räumen zugelassen. Die Kontrolle blieb jedoch im Breitensport ein ungelöstes Problem.

Die ITTF betrachtete das Frischkleben hinsichtlich gesundheitlicher Folgen immer mehr als Imageproblem. Auch führten höheres Tempo und Rotation zu immer kürzeren Ballwechseln, so dass Zuschauer kaum noch folgen konnten und die Fernsehvermarktung einschränkten. Es wurde daher 2006 das Frischkleben in Räumen verboten, ehe es zum 01.09.2008 gänzlich verboten wurde. Die Belagindustrie regierte schon vorher mit Belägen mit eingebauten Frischklebe-Effekt (z.B. Tensorbeläge der Firma ESN aus Hofheim (Kreis Hassberge/Bezirk Unterfranken)).

Nach dem Verbot des Frischklebens sind jedoch viele Spitzensportler auf das Tuning umgestiegen. Hier wird der Belag mit einem Tuner behandelt und später mit einem lösungsmittelfreien Kleber auf das Schlägerholz geklebt. Dabei hat der Spieler einen ähnlichen Klang sowie Spielgefühl wie früher. Der Tuningeffekt hält mit zwei bis vier Wochen jedoch erheblich länger an als der Frischklebeeffekt. Da in einigen Tuningprodukten gesundheitsschädliche Substanzen gefunden wurden, wurde auch dieses Verfahren von der ITTF im Jahr 2008 verboten. Da es sich aber kaum nachweisen lässt, wird es munter weiter eingesetzt.

Eine Verlangsamung des Spiels ist jedoch nicht zu erwarten. Denn auch ohne Frischkleben und Tuning wird von der Industrie immer schnelleres Material angeboten und die Schlagtechnik wird ständig weiter entwickelt.

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