Lange Noppen

Geschichte

Lange Noppen polarisieren die Tischtennisgemeinde. Es gibt Spieler, die wollen (oder können) nicht mehr ohne damit spielen. Andere wollen nicht dagegen spielen. Wieder andere Spieler wissen, was sie tun und lieben es dagegen zu spielen. Doch wie ist dieser Belag eigentlich entstanden?

NoppenDarf man diversen Quellen glauben, sie ist diese Zauberwaffe aus Abfall entstanden. 1959 war Zhang Xieling während einer chinesischen Wirtschaftskrise Spieler und Lagerraum-Verwalter einer Stadtmannschaft in Shanghai. Er spielte damals Penholder-Abwehr mit kurzen Noppen. Sein Belag wurde nicht mehr hergestellt und er suchte gleichwertigen Ersatz. Damals wurden Gummi und Schwamm noch getrennt hergestellt und von den Spielern selbst zusammengeklebt. Ein Belag der Serie Double Happiness #6 wurde von keinem Mannschaftskollegen gespielt und war nach langer Lagerzeit zwischenzeitlich verfallen. Durch kleine Löcher auf der Oberfläche, war dieser Belag als Noppen-innen-Belag nicht mehr brauchbar. Aus der Not geboren klebte er den Belag einfach „verkehrt herum“ auf. Somit war die erste Lange-Noppen-Belag geboren. Mit einer Noppenlänge von 1,5 Milimeter waren die Noppen deutlich länger als die handelsüblichen Noppen-außen-Beläge. Zhang Xieling war mit seiner Erfindung sehr zufrieden und brachte viele Angriffsspieler zur Verzweiflung. Er spielte sich damit in die chinesische Nationalmannschaft und gewann dort die Mannschaftsmeisterschaft bei den Weltmeisterschaften 1961 und 1963 sowie Einzel-Bronze im Jahr 1961. Im Jahr 1971 krönte er seine Karriere mit dem Mixed-Titel bei den Weltmeisterschaften, ehe er dann Cheftrainer der Damenmannschaft wurde.

In 50 Jahren seit Erfindung der langen Noppen hat China zahlreiche Weltklassespieler herausgebracht, die mit diesem Material gan unterschiedlich spielten. Zwölf dieser Vertreter haben insgesamt 51 Olympia-, WM- und World-Cup-Titel gewonnen. Heute wird in der Weltspitze aber kaum noch mit langen Noppen gespielt. Ausgestorben ist diese Gattung von Tischtennisspielern nicht. So spielen damit Chen Qing (Penholder-Angriff) und Wu Yang (Shakehand-Abwehr). Auch in den chinesischen Jugend-Nationalteams gibt es weitere Verteitiger. Hinsichtlich des Frischklebe-Verbots hoffen viele Noppenspieler auf eine Renaissance dieser Spielweise. Richtig durchsetzen konnte sich bislang aber noch keiner.

Deutsche Beteiligung

In der Vergangenheit spielten oftmals auch Deutsche eine wichtige Rolle als Spieler, Funktionäre oder sogar Glatte Lange noppen werden verboten – das Ende eine Ära!Belaghersteller. Dr. Georg Nicklas war der erste Spieler, der in der 1. Bundesliga mit langen Noppen spielte. So stellte sich der frühere Antitop-Spieler in Diensten des 1. FC Saarbrücken 1975 auf lange Noppen um. Der heutige Chef des Belagherstellers ESN (Firmensitz in Hofheim, Landkreis Hassberge!) spielte acht erfolgreiche Jahre in der Bundesliga und war durch den Einsatz von gleichfarbigen Belägen und Drehen des Schlägers auch in Sachen Technik sehr innovativ.

Ein weiterer Vertreter in der Bundesliga war Engelbert Hüging. Der langhaarige Bundesligaspieler mit Stirnband drehte seinen Schläger vor dem Aufschlag unter dem Tisch, so dass der Gegner nie wusste, was für ein Aufschlag ihn erwartet. Mit diesen Täuschungsmanövern hatten viele Angriffspieler zu kämpfen. Teilweise bückten sie sich sogar unter den Tisch, um zu erkennen, wie der Ball aufgeschlagen wird. Diese skurillen Begegnungen wollte man auf internationaler Ebene schließlich nicht mehr sehen, so dass auf Vorschlag von Hans Giesecke (damals Vizepräsident des DTTB) seit 01.01.1984 die Beläge deutlich unterscheidbar sein müssen. Dadurch endete eine Ära. Antitopspin-Spieler waren davon jedoch weit mehr betroffen und stürzten in die Bedeutungslosigkeit.

Aber auch die Langnoppen-Spieler waren von der Zwei-Farben-Regelung stark betroffen und spielten fortan weniger erfolgreich. Als dann der Österreicher Toni Hold (Erfinder des Antitopsin-Belages) als Bastler und Tüftler eine Methode zur Behandlung der langen Noppen entwickelte, sorgte er mit seinen glatten langen Noppen für eine kleine Revolution. Zahlreiche Akteure übersprangen etliche Spielklassen und bezwangen Gegner, die ihnen technisch stark überlegen waren. Auch Dr. Neubauer agierte mit den von seinem Unternehmen hergestellten Belägen sehr erfolgreich und gewann mit den glatten langen Noppen reihenweise WM-Titel bei den Senioren.

Zwei weitere Regeländerungen entschärften diese „Waffe“ jedoch beträchtlich. So wurde zum 01.07.1999 ein aspect ratio von 1,1 (vorher 1,3) eingeführt. Dies ist das Verhältnis von Länge zu Dicke der Noppen. Damit waren lange dünne Noppen, die ein Abnicken der Noppen und damit einen „Flattereffekt“ bewirkten, fortan verboten. Zum 01.07.2008 wurden durch Festlegung eines Mindestreibungswiderstandes dann auch die glatten langen Noppen verboten. Es langt somit nicht mehr aus im Blockspiel am Tisch nur den Schläger hinzuhalten. Viele Noppenspieler müssen seitdem ihre Technik umstellen. Diese Regeländerungen dürften jedoch das Ende einer Erfolgsgeschichte bedeuten.

Physik und lange Noppen

Im Spiel mit langen Noppen gibt es eine Reihe phyikalischer Phänomene zu betrachten, die jedoch einfach erklärbar sind.

Flattereffekt

Glaubt man Physikern, so kann ein Flattereffekt (der Ball wechselt hier mehrfach die Richtung) nur bei einem rotationslosen Ball gespielt werden. Dieser ist in der Praxis jedoch nicht vollziehbar, da der Tischtennisball immer eine kleine Rotation hat. Damit kommt der Anschein eines Flattereffektes wohl daher, dass ein mit einem Langnoppen-Belag gespielter Ball für den Gegenüber in einem ungewohnten Winkel und mit ungewohnter Rotation ankommt. Der Gegenspieler kann den Ball schwer antizipieren und dies verursacht eine Verunsicherung beim Return.

Abknicken der Noppen

Lange NoppenWurde vor Änderung des aspect ratio im Jahr 1999 eine lange dünne Noppe gespielt, so war diese recht instabil. Kam ein Ball mit mittlerem Tempo frontal auf die Noppen an, so knickten diese ab und ergaben einen Drehmoment des Balles zur Seite. Die Geschwindigkeit des Balles wurde dabei in Rotation verwandelt. Der Noppenspieler konnte dies aber nicht kontrollieren, so dass der Ball eher zufällig und wenig vorhersehbar zurückgespielt wurde. Dies erschwerte dem Gegner das Antizipieren des Balles und damit den Return. Je schneller der Ball auf die Noppen gespielt wurde, um so weniger Rotation konnte zurück gespielt werden. Dieser Effekt ergab sich auch bei einem langsamen Ball. In der Verteidigung ergab sich jedoch ein normales Spielverhalten. Der damalige Feint und Curl P1 spielten sich hier weniger gefährlich für den Gegenspieler. Lediglich der Curl P1 Spezial, der durch Nachbehandlunggeglättet war, erzeugte hier mehr Schnitt, da der Ball hier stärker auf den Noppemköpfen durchdrehen konnte und somit mehr Spin vom Gegner zurück brachte.

Glatte lange Noppen

Nach Veränderung der aspect ratio konnten die Noppen nicht mehr abknicken. Dies erforderte eine höhere Spielfertigkeit für den Noppenspieler. Denn er musste bewusst entscheiden, ob er den Ball frontal mit einem Blockball oder in der Verteidigung spielt. Beim Blockball drehte der Ball auf den glatten Noppenköpfen durch und der Gegner bekam seine eigene Topspin-Rotation in fast ungebremster Rotation als Unterschnitt zurück. In der Schnittabwehr wurde der Ball dagegen mit schrägem Winkel gespielt, so dass der Ball mit den Noppenhälsen gespielt wurde. Damit wurde dem Ball eine eigene Rotation verliehen.

Heutige erlaubte Noppen

Bei den heute erlaubten Noppen ist der Reibungsunterschied zwischen Noppenköpfen und Noppenhälsen deutlich vermindert. Beim Blocken bewirkt die höhere Reibung eine stärkere Abbremsung, womit die Schnittumkehrung gemindert wird. Nun versuchen Spieler diesen Effekt mit tischnahen Abstechen mit dem Handgelenk entgegen zu wirken. Damit soll Spin erzeugt und der Ball weniger stark abgebremst werden.

Spieltechnik

Nähere Informationen zur aktuellen Spieltechnik erhalten Sie im Artikel Spieltechnik – Lange Noppen.

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